Am vergangenen Sonntag empfingen wir im Feuerwehrhaus mit dem SC Forchheim einen renommierten Gegner, der zwar in der laufenden Saison noch nicht so richtig in Tritt kam, aber aufgrund seiner extrem starken „ersten Vier“ inklusive des tschechischen Altmeisters GM Vlastimil Jansa auf keinen Fall zu unterschätzen war. Da wir die Bedeutung dieses Kampfes verinnerlicht hatten, gingen wir voll motiviert ans Werk und konnten mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung einen überraschend klaren 5½-2½ Sieg erringen. Ausschlaggebend waren sowohl die vorderen Bretter, die bei einem durchschnittlichen DWZ-Nachteil von 120(!) Punkten nur drei Remis zuließen, als auch die hinteren Bretter, die ihren Vorteil konsequent zu drei vollen Punkten nutzten.
An Brett 2 (W) bediente sich FM Zdenek Haba gegen die Holländische Verteidigung einer giftigen Nebenvariante, mit der er schon nach wenigen Zügen ein wildes Handgemenge im Zentrum initiierte:

Nach ersten unvermeidlichen Abtauschaktionen hatte der Gast zwar die schlechtere Bauernstruktur, mit dem Läuferpaar aber adäquate Kompensation. Im Zuge der weiteren Figurenentwicklung stabilisierte sich die Lage zusehends bis sich nach 24 Zügen eine völlig ausgeglichene Stellung ergab:

Da für beide Spieler ein risikoloses Spiel auf Gewinn kaum möglich war, bot Zdenek an dieser Stelle Remis an, das guten Gewissens angenommen wurde. (½-½)
An Brett 8 (W) leitete Miroslav Kalous gegen das abgelehnte Damengambit in die Katalanische Eröffnung über. Nach unkonventioneller Stellungsbehandlung seitens des Gegners, gelang es Mirek sich einen schönen Vorteil zu sichern:

Da Schwarz ohne wirksames Gegenspiel blieb, erhöhte Mirek mit stoischer Ruhe den Druck auf seinen jungen Gegner Zug um Zug. Trotz einiger Ungenauigkeiten und verpasster Chancen blieb er immer am Drücker und nutzte schließlich einen Fehler zum entscheidenden Schlag:

Mirek nutzte die Gunst der Stunde und spielte 24.Ld6, was einen Qualitätsverlust zur Folge gehabt hätte. Sein Gegner wollte aber den Turm retten, spielte 24…Tb7?? und übersah dabei, dass er damit seiner Dame den Weg nach a6 versperrte und ihr somit sämtliche Fluchtfelder nahm. Nach der Folge 25.Tc1 Dd8 26.Sc6 war die Dame im eigenen Lager gefangen und da weiterer Widerstand zwecklos war, gab Schwarz auf. (1½-½)
An Brett 4 (W) landete Christian Müller nach einem englischen Aufbau durch Zugumstellung in der Schlechter-Variante der Slawischen Verteidigung oder der Fianchetto-Variante der Grünfeld-Indischen Verteidigung. Die Auguren sind sich da nicht ganz einig. Nach einem Bauerntausch auf d5 entstand eine symmetrische Bauernstellung mit eher statischem Charakter. Nach einer Ungenauigkeit seines Gegners gelang es Christian seinen leichten Entwicklungsvorsprung zu einer Initiative im Zentrum zu nutzen:

Die Aussichten für Christian schienen positiv, doch ein offensichtlicher Weg zu klarem Vorteil war nicht auszumachen. Die schwarze Stellung war zwar passiv aber fest und mit nur einer Schwäche stets verteidigungsfähig. Der Windischeschenbacher mühte sich nach Kräften, konnte aber nie mehr als eine leicht vorteilhafte Druckstellung erreichen:

Weil es auch für seinen Gegner keinerlei Grund gab auszuweichen, einigten sich die Kontrahenten hier auf Remis. In gewohnt sicherer Weise hatte Christian damit einen weiteren ELO-starken Forchheimer neutralisiert. (2-1)
An Brett 7 (S) verteidigte sich Stephan Schmahl sizilianisch und wurde mit der Moskauer Variante konfrontiert. Er wählte die anspruchsvollste Fortsetzung, um die Partie möglichst komplex zu gestalten. Sein Plan hatte insofern Erfolg als sein Gegner keinen zufriedenstellenden Plan fand und sich nach Aufgabe des Läuferpaars bereits in einer leicht schlechteren Stellung wiederfand:

Aufgrund der geschwächten Königsstellung wurde die Stellung nun schärfer und es kam auf beiden Seiten zu Ungenauigkeiten. Zum entscheidenden Faktor wurde aber die horrende Zeitnot des jungen Forchheimers, der im 20. Zug nur noch knapp zwei Minuten auf der Uhr hatte. Da er notgedrungen gezwungen war schneller zu ziehen, wählte er eine mehrzügige Abtauschkombination:

Die restlichen Züge bis zur Zeitkontrolle versuchte der Forchheimer verzweifelt seine Stellung zu verteidigen, doch letztendlich konnte er den Materialnachteil nicht kompensieren und die Partie fand ein kurioses Ende:

Da gegen das kommende …Th5 und Läuferverlust kein Kraut mehr gewachsen war, gab sich der Weiße an dieser Stelle geschlagen. (3-1)
An Brett 5 (S) wählte Milo Müller in der Slawischen Verteidigung eine der zweischneidigsten Varianten, nahm sofort den Bauern c4 und verteidigte diesen mit …b5. Das weitere Geschehen spielte sich praktisch ausschließlich am Damenflügel und mit Abstrichen im Zentrum statt. Eingangs des Mittelspiels stand Milo vor der Frage, wie er seine Figurenentwicklung abzuschließen gedachte:

Der Gast fand die stärkste Fortsetzung nicht und geriet wenige Züge später selbst in klaren Nachteil. Milo schloss seine Entwicklung ab, setzte seinen c-Bauern in Bewegung und stand überraschenderweise sofort auf Gewinn. Nach einigen weiteren Zügen war man in einem reinen Schwerfigurenendspiel gelandet, in dem der schwarze Freibauer der Garant für den Sieg war, als das Unfassbare geschah:

Der Forchheimer sah und spielte 34.Td3!, wonach die Mattdrohung die Computerbewertung von ca. -5 zu +5 auf den Kopf stellte! Milo war gezwungen seine Dame zu geben und seinem König ein Luftloch zu verschaffen, was der Gast zur Blockade des Freibauern nutzte. Kurz nach der Zeitkontrolle konnte er durch Rückopfer der Dame schließlich in ein leicht gewonnenes Bauernendspiel abwickeln. Eine tragische Niederlage, aber Milo, wir wissen, was wir an Dir haben und es wird der Spieltag kommen, an dem Du zum strahlenden Helden werden wirst! (3-2)
An Brett 6 (W) entschied sich Carolin Werner für die Schottische Eröffnung. Nachdem man elf Zügen aktueller Theorie gefolgt war, gab es mit der langen Rochade von Weiß die erste Überraschung:

Die komplexe Stellung bot beiden Seiten reichlich Gelegenheiten fehlzugreifen. Und schließlich war es der Gast, dem der erste Fehler unterlief:

Die Windischeschenbacherin ging aber mit 17.h5 sofort am Königsflügel vor und verlor nach 17…Da3+ 18.Kb1 d5 leider den Faden. Ihr eigener Angriff geriet ins Stocken während ihr Gegner die weiße Königsstellung aufbrechen und einen Bauern gewinnen konnte. Die entscheidende Angriffsfortsetzung fand aber auch er nicht und so ging der Kampf unverdrossen weiter. Im 26. Zug brach Carolin ohne Not alle Brücken hinter sich ab und setzte alles auf die Karte Königsangriff. Objektiv hätte es nicht reichen sollen, doch unter Zeitdruck sind Entscheidungen nicht leicht zu treffen:

Solchermaßen aus der Bahn geworfen, fand der Gast nicht mehr zurück ins Spiel, ließ einige Möglichkeiten zu einer erfolgreichen Verteidigung aus und musste sich schließlich im 49. Zug geschlagen geben. (4-2)
An Brett 1 (S) wurde Tobias Brunner in der Caro-Kann Verteidigung von seinem namhaften Gegner mit dem Panov-Angriff konfrontiert. In einer der Hauptvarianten opferte Tobias mutig einen Bauern und erhielt dafür schöne Kompensation in Form einer aktiven Figurenstellung:

Beide Spieler lavierten nun für eine ganze Weile ohne dass sich an der Stellungsbewertung etwas geändert hätte, als dem Großmeister ein erstaunlicher Lapsus unterlief:

Tobias ließ sich nicht zweimal bitten, tauschte auf c1 und entkorkte anschließend 26…Txe3!, womit er nicht nur seinen Bauern zurück bekam, sondern die weiße Stellung auch noch irreparabel schwächte. Kurze Zeit später gewann er auch noch den Bauern d4 und stand mit der besseren Leichtfigur klar auf Gewinn. Der Forchheimer wehrte sich nach Kräften, doch am Ende vermochte auch er die Niederlage nicht mehr abzuwenden:

Angesichts der verbundenen Freibauern und des eigenen abgeschnittenen Königs gab GM Jansa hier auf. Ein fantastischer Erfolg für Tobias und die endgültige Sicherstellung des Mannschaftssiegs. (5-2)
An Brett 3 (S) vertraute Philipp Merk der Russischen Verteidigung, die von seinem Gegner mit der Modevariante 4.d4 beantwortet wurde. Nach Tausch der beiden Zentralbauern und der Damen blieb ein ungewöhnliches Endspiel mit jeweils beiden Türmen und allen vier Leichtfiguren auf dem Brett, das vom Computer als völlig ausgeglichen beurteilt wird:

Der Gast versuchte hartnäckig das Spiel zu verkomplizieren, doch Philipp folgte stur seinem Plan, mehr und mehr Figuren abzutauschen, um bis zur Zeitkontrolle schließlich in einem reinen Leichtfigurenendspiel mit Läufer gegen Springer zu landen:

Der Gast zog die Partie zwar noch weitere 15 Züge in die Länge, doch am Ende musste er das Unvermeidliche akzeptieren und ins Remis einwilligen. (5½-2½)
Dieser Erfolg sichert endgültig die Klasse und bringt uns obendrein mitten rein ins Aufstiegsrennen mit drei Endspielen in den letzten drei Runden. Sollten wir unsere Leistung konservieren können, werden wir im Kampf um den Meistertitel mit Sicherheit nicht chancenlos sein.
In drei Wochen starten wir mit dem absoluten Spitzenkampf beim Tabellenführer Fürth:

Mit einem Sieg könnten wir vorläufig den Gipfel erklimmen, aber auch ein Unentschieden wäre noch nicht das Ende aller Träume, die ja bekanntlich erlaubt sind.
Da wir einen Aufstieg weder angepeilt noch erwartet haben und schon gar nicht darauf angewiesen sind, können wir erneut völlig unbeschwert antreten, alle unser Bestes geben und am Ende sehen, was dabei herauskommt.