Im letzten Heimspiel der Saison empfingen wir am 22. März im Feuerwehrhaus den abstiegsgefährdeten SC Jäklechemie aus Nürnberg. Die Vorzeichen waren für beide Mannschaften klar: nur ein Sieg würde helfen die selbst gesteckten Ziele noch zu erreichen. In erneut unveränderter und stärkster Aufstellung wollten wir unbedingt unseren Heimvorteil nutzen, um so das Traumfinale am letzten Spieltag Wirklichkeit werden zu lassen. Der auf dem Papier nahezu gleichstarke Gegner machte uns das Leben wie erwartet schwer und erst als Fortuna uns zulächelte, kamen wir schließlich zu einem äußerst knappen 4½-3½ Sieg.
An Brett 2 (W) landete FM Zdenek Haba durch Zugumstellung in einer Modevariante der Katalanischen Eröffnung. Nachdem man lange auf bekannten Pfaden gewandelt war, erreichte man eine optisch für Weiß ansprechende, aber in Wirklichkeit völlig ausgeglichene Mittelspielstellung:

Die Gretchenfrage sollte sich wenige Züge später stellen:

Eventuell beeinflusst durch seine vorherige Wahl einem Remis auszuweichen, sah sich Zdenek in der Pflicht seine Entscheidung zu rechtfertigen und nahm den Bauern auf a6. Per se kein Fehler, doch fortan musste er sich dauerhaft Sorgen um seinen am Brettrand gestrandeten Gaul machen. In nur leicht schlechterer Stellung unterlief ihm dann aber kurz vor der Zeitkontrolle ein schwerer Fehler, der den sofortigen Verlust zur Folge hatte. (0-1)
An Brett 8 (W) musste sich Miroslav Kalous mit der Polnischen Eröffnung beschäftigen. Der Nürnberger behandelte die Stellung zunächst gut, hätte nach einer Ungenauigkeit aber dennoch ins Hintertreffen geraten können:

Auch im Mittelspiel gelang es dem Windischeschenbacher nicht nennenswerten Druck gegen die schwarze Stellung aufzubauen, so dass vieles bereits auf einen friedlichen Ausgang hindeutete. Die Vorentscheidung fiel dann aber plötzlich und unerwartet im 17. Zug:

Der Versuch sich dem Vorrücken des Freibauern entgegen zu stemmen, brachte den Gastspieler vom Regen in die Traufe, da er sich zusätzlich einem Angriff gegen seinen König ausgesetzt sah, den er nicht mehr abzuwehren vermochte. (1-1)
An Brett 6 (W) bekämpfte Carolin Werner die Russische Verteidigung mit einer Nebenvariante, die zwar laut Theorie keinen echten Vorteil verspricht, sich in der Partie aber als unerwartet gut für Weiß entpuppte. Ihr Gegner wählte einen langsamen Aufbau, der Carolin einen Entwicklungsvorsprung einräumte, den sie zu einer leichten Initiative nutzen konnte. Und gerade als der Schwarze diese neutralisiert zu haben glaubte, fand die Windischeschenbacherin eine fantastische Idee:

Guter Rat war also teuer und kostete den Nürnberger eine Menge Bedenkzeit. Am Ende kam es wie so häufig. Je länger man überlegt, desto schlechter das Ergebnis. Der letztendlich ausgeführte Zug 14…Le6? führte nach 15.Sa5 zu einer Verluststellung, da Materialverlust nicht mehr zu vermeiden war. Wahrlich sehenswert war die anschließende Abwicklung in ein leicht gewonnenes Endspiel:

Mit der forcierten Abfolge 17.Sc6! Txb7 18.Td8+ Kf7 19.Txh8 Lxh8 20.Sd8+ Ke7 21.Sxb7 gewann Carolin zusätzlich zum Mehrbauern auch noch eine Qualität und stand glatt auf Gewinn. Das Läuferpaar gab dem Gegner zwar noch etwas Hoffnung auf Rettung, doch Caro machte auch diese durch Rückgabe der Qualität und Transformation zu zwei Mehrbauern zunichte. Ein beeindruckender Sieg! (2-1)
An Brett 5 (S) geriet Milo Müller mit seinem super-beschleunigten Drachen schon nach wenigen Zügen in eine unbequeme Stellung, die auch im Mittelspiel nicht besser wurde:

Doch Milo ließ sich nicht unterkriegen, stellte sich auf die Hinterbeine und verteidigte sich mit aller Kraft und stoischer Ruhe. Beeindruckt von der Hartnäckigkeit seines Gegenüber geriet der Nürnberger ins Straucheln und verspielte seinen Vorteil fast vollständig bis es noch einmal zu einem Herzschlagmoment kam:

Zu unserem Glück übersah der Weiße diese Möglichkeit, wählte 32.De2?? und konnte mehrfachem Figurentausch nicht mehr ausweichen. Die Partie verflachte zusehends und endete in einem Bauernendspiel das tot Remis war. Ein glücklicher halber Punkt nach einem denkbar ungünstigen Eröffnungsverlauf. (2½-1½)
An Brett 4 (W) eröffnete Christian Müller mit dem Königsspringer und landete nach dem Umweg über Englisch in der Maroczy-Formation der Sizilianischen Drachenvariante. Im Mittelspiel neutralisierte man sich gegenseitig mit den für die bekannte Zentrumsformation (c4 & e4 gegen d6 & e7) typischen Manövern. Der Engine gefällt die weiße Stellung zwar praktisch durchgängig besser, doch konkrete Ansatzpunkte für etwas Greifbares gab es nicht. Interessant wurde es schließlich im resultierenden reinen Schwerfiguren-Endspiel:

Zu unserem Glück wählte die Nürnbergerin aber 31…Tc1? und vergab damit eine gute Möglichkeit die Partie zu ihren Gunsten zu gestalten. Es folgte eine lange Serie von Schachgeboten, die nach Damentausch schließlich zu einem spannenden aber völlig ausgeglichenen Bauernendspiel führten:

Wer würde glauben und vor allem berechnen können, dass in dieser Stellung der weiße e-Bauer gegen den freien schwarzen b-Bauern das Rennen macht? Gewonnen hätte 41.Kg5! Ke6 (sonst 42.Kf6+-) 42.Kh6! b5 43.Kg7! b4 44.d7!! (des Pudels Kern!) Kxd7 45.Kxf7 b3 46.e6+ (der entscheidende Tempogewinn!) Kd6 47.e7 b2 48.e8D b1D 49.De7+ Kd5 50.Kg7 und das Damenendspiel ist für Schwarz wegen seiner schwachen Bauern nicht zu halten.
Es ist sicher keine Schande, dass Chris diese Variante nicht fand, doch die Partie war noch nicht zu Ende. Zwei Züge später bekam er die gleiche Chance noch einmal, doch leider ging er erneut an seinem und unserem Glück vorbei. Eine dritte Gelegenheit bekam er nicht mehr und als das Brett komplett leer gefegt war, wurde das Remis unterzeichnet. Eine wahrlich lehrreiche Partie! (3-2)
An Brett 3 (S) wählte Philipp Mark mit Damenindisch eine Verteidigung, die ihm schon häufig gute Dienste geleistet hatte. Sein Gegner war offensichtlich sehr gut vorbereitet, da sein erstes Dutzend Züge wie aus der Pistole geschossen kamen. Den Raumvorteil von Weiß hoffte Philipp langfristig mit dem Läuferpaar kompensieren zu können:

Durch den radikalen Szenenwechsel verlor der Gastspieler den Faden. Philipp nutzte dessen Ungenauigkeiten zur Aktivierung seiner Figuren und gewann einen wichtigen Bauern:

In der Folge setzte sich der Abwärtstrend für den Nürnberger fort und führte schnurstracks in ein verlorenes Doppelturm-Endspiel mit zwei Minusbauern. Dessen Verwertung bereitete Philipp keinerlei Schwierigkeiten und führte nach 52 Zügen zur Aufgabe. (4-2)
An Brett 1 (S) nutzte Tobias Brunner in einem Abgelehnten Damengambit den Umstand, dass sein Gegner lange auf die natürliche Entwicklung Sc3 verzichtete, zu einem frühen Einsteigen mit seinem Königsspringer auf e4 und einer günstigen Transformation zum Holländischen Stonewall. Der verdiente Lohn war eine unerschütterliche Stellung, die, wenn überhaupt, nur ihm Chancen auf Vorteil bot:

Tobias ging jedoch zurückhaltender vor und und musste sich mit einem nur symbolischen Vorteil begnügen. Ein von langer Hand vorbereiteter Durchbruch am Damenflügel brachte ihm zwar einen Bauerngewinn, doch leider keine echten Siegchancen:

Schließlich einigte man sich per Zugwiederholung auf ein Remis, was uns den noch benötigten halben Punkt zum Mannschaftssieg bescherte. (4½-2½)
An Brett 7 (S) musste sich Stephan Schmahl mit der Abtausch-Variante der Französischen Verteidigung auseinandersetzen. In dem für seine Remistendenz bekannten Abspiel nahm Stephan freiwillig einen Isolani und die Aufgabe des Läuferpaars in Kauf, um zumindest die Chance auf ein Ungleichgewicht am Leben zu erhalten. Leider fand er nicht rechtzeitig das Bremspedal in Form des gesunden Menschenverstands und überzog seine Stellung vollkommen:

Nach dem unvermeidbaren Verlust seines Zentralbauern war Stephan auf dem harten Boden der Realität angekommen und konnte nur noch verzweifelt um ein Remis kämpfen. Enttäuscht über seine eigene schlechte Leistung fand er unter Zeitdruck keine erfolgversprechende Verteidigung und landete in einem denkbar ungünstigen reinen Springerendspiel. Der Nürnberger ließ sich nicht beirren und verwertete seinen Materialvorteil sicher. Eine unterirdische Performance, die glücklicherweise von den Mannschaftskameraden aufgefangen wurde. (4½-3½)
Mit dem Gewinn dieses Kampfes konnten wir unsere Tabellenführung erfolgreich verteidigen und bekamen obendrein bereits einen Vorgeschmack auf die anstehende Nervenschlacht am letzten Spieltag beim direkten Verfolger Altensittenbach. Die aktuelle Tabelle verdeutlicht wie eng es an der Spitze zugeht:

Nur ein Sieg garantiert die Meisterschaft und den Aufstieg in die Landesliga! Bei einem 4-4 Unentschieden wäre wahrscheinlich die SG Fürth der lachende Dritte, da sie zu Hause gegen Schlusslicht Kareth-Lappersdorf gute Chancen hat uns nach Brettpunkten noch abzufangen.
Das Liga-Orakel räumt uns vor dem Showdown die besten Chancen ein:

Am 26. April werden wir sehen, was am Ende herauskommt. Mit einer ähnlich guten Einstellung wie beim Kampf in Fürth stehen uns alle Türen offen. Wir haben es selbst in der Hand!